Einzelhandel. Die Aufholjagd des „Ostens“

Poldertalk:

Im Bereich des Einzelhandels befindet sich der ehemalige Ostblock auf einer unglaublichen Aufholjagd. Das erkennt man in den Einkaufsstraßen der Länder, die ich den letzten Monaten regelmäßig besucht habe. Das sind Länder wie Polen, die Ukraine, Rumänien und Tschechien. Hatten diese Länder vor noch nicht ganz fünf Jahren einen erheblichen Rückstand gegenüber dem „Westen“ Europas, kann heute so mancher Einzelhändler von den Entwicklungen in diesen Ländern profitieren. Mehr noch: Einzelhändler haben hier noch viele Chancen.

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Wo im Westen immer noch viele Einzelhandelsgeschäfte schließen, scheint das Wachstum im Osten unbegrenzt zu sein. Der Konsumismus feiert Triumphe. Alle großen Einzelhandelsketten sind in den genannten Ländern vertreten. Dazu kommen noch einige erfolgreiche Einzelhändler, von denen wir im Westen noch nie gehört haben. In Polen, der Ukraine und Russland werden Einkaufszentren aus dem Boden gestampft, die sogar für Einkaufszentren in den Niederlanden, in Deutschland, Belgien, Frankreich und anderen Teilen Europas Vorbild sein können. Das Angebot birgt mehr Überraschungen als ich je erwartet hätte. Und die Leser dieser Kolumne wissen, dass ich mir eine Menge Geschäfte auf der ganzen Welt ansehe.

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Mondäne Flaniermeilen

Der Konsumismus berührt aber nicht jeden. Die Einkommensunterschiede in diesen Ländern sind groß. Ein Fabrikarbeiter in der Ukraine hat nicht selten einen Monatslohn von 200,-- EUR. Er wird nicht in den teureren Geschäften einkaufen können. Hier liegen große Chancen für die günstigen westlichen Ketten mit einem schnell wechselnden Sortiment und niedrigen Preisen. Auch in Rumänien sind die Unterschiede groß. Es gibt mondäne Flaniermeilen, wo man die schönsten Waren kaufen kann. Aber hinter genau diesen Einkaufsstraßen liegen oftmals chaotische Viertel mit heruntergekommenen Häusern in denen Menschen wohnen, die wenig bis nichts ausgeben können.

Schritte

Diese enorme Aufholjagd ist der Tatsache geschuldet, dass Osteuropa kaum eine Konsumvergangenheit hat. Innerhalb weniger Jahrzehnte haben sich die Länder aus einem Konjunkturtief heraus zu einem neuen Kapitalismus bewegt. Dabei hat der Einzelhandel einige Schritte übersprungen, die der Westen durchlaufen hat. Man konnte hypermoderne Einkaufszentren bauen, da es sie bisher einfach nicht gab. Ohne Belastung durch eine Vergangenheit konnten die dortigen Konsumenten direkt in den großen Geschäften wie H&M, Zara und in den Flagshipstores der Markenhersteller einkaufen. Das hat im Hinblick auf Niveau und Stil im Einzelhandel sogar zu einem relativen Vorsprung gegenüber dem Westen geführt. Die aktuelle Mode findet man fast eher im Ostblock als im Westen. Der Online-Handel steht gegenüber dem Westen noch am Anfang, aber ich erwarte auch hier eine gigantische Aufholjagd. Potenzielle Kunden im Westen werden zweifellos davon profitieren. Die Preise im Ostblock sind oftmals niedriger als die im Westen, was eine neue Käuferschaft aus unseren Gefilden in die ehemaligen Ostblockländer zieht. Die Welt ist ein Dorf ... Konsumenten gibt es überall. Und sie können einkaufen wo sie wollen.

Marken und Einzelhändler tun gut daran, sich am Osten zu orientieren. Dort wird in den nächsten Jahren eine Menge passieren.